Gepostet am 17.Okt. 2011 in Blog | Keine Kommentare

Kugelkopf

Vor dem Zeitalter der modernen Textverarbeitung war man auf der Schreibmaschine an die Schrift des jeweiligen Gerätes gebunden, jedenfalls so lange, bis ein Genie bei IBM den Kugelkopf erfand. Fortan brauchte man nur genügend solcher Kugelköpfe zu besitzen (die Schreibmaschine freilich auch) und konnte mitten im Dokument den Schriftschnitt und die Fontgröße ändern. Abgesehen von der rein technischen Raffinesse der ganzen Konstruktion, bedeutete dies für Typografiefreaks so etwas wie die Erfindung des Rades. Einmal mehr gab es nur einen Nachteil, nämlich den Preis.

Es dauerte also nicht lange, bis ich auf einem meiner beinahe wöchentlichen Aufenthalte in New York beschloss, der Firma IBM einen Besuch abzustatten, der mich zwar teuer zu stehen kam, aber mir heute noch Freude bereitet. Der Verkäufer – in Anzug und Krawatte – erkannte mein Interesse sofort und zeigte mir das aktuelle Topmodell namens IBM CORRECTING SELECTRIC II, jawohl, mit modernstem Plastikfarbband samt Korrekturband, mit welchem sogar Tippfehler optisch einwandfrei zu korrigieren waren. Das einzigartig gestochen scharfe und tiefschwarze Schriftbild kannte ich schon und es stellte sich sogleich die Frage, wie man ohne ein solches Gerät überhaupt weiterleben konnte. Auch das letzte Hindernis wurde sogleich entfernt, denn auf meinen Einwand, dass ich die Schreibmaschine in der Schweiz benutzen würde, wo 220 Volt und 50 Hertz üblich seien, sprach der salesman: „So what, give us four weeks and you can pick up your selectric-baby with any voltage you like.“

Das tat ich dann auch wie versprochen vier Wochen später. Allerdings hatte ich in meiner Begeisterung nicht daran gedacht, wie schwer die Maschine war, aber an diesem Tag war es mir auch egal, per Taxi von der Madison Avenue ins Barbizon Plaza Hotel zu fahren, die Kiste bis ins Zimmer zu schleppen, am Abend wieder in den Crewbus zu laden und schließlich in der 747 zu verstauen. Am nächsten Tag stand sie jedenfalls in meinem Arbeitszimmer und das tut sie auch heute noch.

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